Die Trauer hört niemals auf

Von Michelle Spillner

HK-Bericht

Die Trauer hört niemals auf

Wie der Tod eines Kindes das eigene Leben für immer verändert

Zwei Kreuze stehen am Rand der B 519 in Richtung Hofheim. Sie werden von Hinterbliebenen gepflegt und erinnern an den schweren Verkehrsunfall, bei dem vor fünf Jahren der 21 Jahre alte Dennis Roos aus Kelkheim und ein Fahrradfahrer aus Unterliederbach ums Leben kamen.

Foto: Spillner

 

Es ist ein schwieriges und sensibles Thema. Harry Roos hat mit uns sehr offen darüber gesprochen. Am 10. August vor fünf Jahren kam sein Sohn Dennis im Alter von 21 Jahren beim Motorradfahren auf der B 519 ums Leben, riss einen Menschen mit in den Tod.

Zwei Kreuze und Blumen am Straßenrand erinnern an den schweren Unfall.

 

Von Michelle Spillner

Hofheim/Kelkheim. Viele Kreuze säumen die Straßen. Allein fünf stehen rund um Hofheim. Sie markieren Stellen, an denen Menschen im Straßenverkehr ums Leben gekommen sind. Sie sind Erinnerung und Mahnung. Tausende von Autos fahren täglich an ihnen vorbei. Jedes Kreuz steht auch für die Schicksale jener, die den plötzlichen Tod eines Menschen verkraften mussten, die diesen Menschen schmerzlich vermissen, die zwei, drei Mal pro Woche zu den Unfallstellen fahren, um frische Blumen zu bringen, zu gießen.

Harry Roos kommt täglich an den Kreuzen für Dennis und das zweite Unfallopfer vorbei. Seitdem sein Sohn starb, hat er seinen Geburtstag nicht mehr gefeiert, geht lieber ins Büro und feiert dafür den Geburtstag seines Sohnes an jedem 16. Mai umso mehr. Roos hat sich aus dem Fastnachts- und Vereinsleben zurückgezogen, spielt auch in der Band nicht mehr. Nur manchmal nimmt er noch die E-Gitarre in die Hand. Umso intensiver lebe er mit seiner Familie. «Mich interessiert nur noch meine Familie, meine Frau, meine Tochter, mein Sohn», so der Kelkheimer. Harry Roos arbeitet seitdem viel. Auch am Todestag seines Sohnes waren er und seine Frau im Büro.

 

Vorwürfe

Der Sohn war gerade von einem Kurzurlaub mit seiner Freundin aus Paris zurückgekehrt. «Ich hatte ihn nach dem Urlaub noch gesehen, meine Frau nicht», erinnert er sich. Alles war wie immer – bis Kollegen gegen 14.55 Uhr im Büro erzählten, dass sich vor Hofheim ein schwerer Unfall ereignet habe, die B 519 gesperrt sei. «Da habe ich meiner Frau gesagt, sie soll Dennis anrufen, wo er ist», erinnert sich Roos. Dennis fuhr leidenschaftlich gerne Motorrad, die Schwester hatte ihm noch Geld dazu gegeben, damit er sich den Traum von einer Kawasaki erfüllen konnte, und machte sich später Vorwürfe.

Als Dennis neun Jahre alt war, hatte es schon einmal eine kritische Situation gegeben: Der Junge hatte sich schwerste Verbrennungen zugezogen. Das lässt Eltern wachsamer werden.

Der Telefonanruf bei Dennis blieb unbeantwortet, Dennis war nicht zu finden. Roos fuhr zum Unfallort. Und dann sah er ihn dort liegen. Er war mit einem 68 Jahre alten Fahrradfahrer aus Unterliederbach zusammengestoßen. Beide waren sofort tot.

Roos erhielt das zerstörte Handy von der Polizei. Heute liegt es neben dem Handy in einer Vitrine, mit dem der Vater versucht hatte, seinen Sohn zu erreichen.

Für 20 Minuten war Roos im Schock nicht mehr ansprechbar, nicht erreichbar. «Ich wollte auf keinen Fall, dass meine Frau mich so erlebt.» Dann war es seine Aufgabe, der Mutter die unfassbare Nachricht vom Tod des Sohnes zu überbringen.

 

Zu Verwandten geflüchtet

Das Ehepaar konnte an diesem Tag erstmal nicht nach Hause fahren. Es flüchtete sich zu Verwandten und wusste bald, dass das bisherige Heim nicht länger das Zuhause sein würde, ein Zuhause voller Erinnerungen an den 21-Jährigen und seine Pläne. Als Kfz-Schlosser lernte er in einem Autohaus, hatte schon als Zehnjähriger an Autos gebastelt. Selbst in der Freizeit möbelte er alte Wagen auf, schraubte und reparierte. «Ich bin überzeugt, dass er ein guter Autohändler geworden wäre», sagt Roos – der Beruf, den der Vater einst hatte.

Neun Wochen später zogen die Roos‘ aus, zurück in die Wohnung, in der die Familie früher mit dem kleinen Dennis gelebt hat: «Das war ein Risiko, ich weiß, aber es ist gut so.»

Nach so einem Schicksalsschlag ist nichts mehr, wie es war, und wenn man nicht aufpasst, dann verliert man noch mehr. Harry Roos weiß, dass die meisten Ehen zerbrechen, wenn ein Kind stirbt. Man müsse Wege suchen, alleine und auch zu dritt damit klarzukommen. Die Tochter Tina sei eine riesige Hilfe gewesen, die Freunde des Sohnes ein großer Beistand. Die Freunde von Dennis haben das Kreuz noch am Unfalltag an der Straße aufgestellt. «Anfangs konnte ich dort nicht hin», beschreibt Roos.

Zum ersten Mal war er nach Wochen mit einem Freund von Dennis an der Stelle. Seither pflegt er das Denkmal an der Straße. «Wenn das Kreuz verwittert ist, werden wir kein neues aufstellen. Dann werden wir den Platz so verlassen, wie er einmal war», so Roos.

Noch öfter ist der Vater am Grab seines Sohnes auf dem Kelkheimer Friedhof. «Dort bin ich ihm näher», sagt Roos. Der Grabstein ist beleuchtet, Roos hat eine Fernbedienung, mit der er die Illumination steuern kann. Ein kleines Motorradmodell hat ein Freund für Dennis angefertigt und aufs Grab gestellt – es wurde gestohlen, wie auch zwei Solarlampen an der B 519, die das Grablicht ersetzen sollten. An seinem Auto trägt Roos die Kennzeichennummer, die am Motorrad seines Sohnes hing: 58.

Während Roos‘ Frau sich Beistand suchte, «habe ich keinen Gedanken daran verschwendet». Harry Roos wollte das mit sich selbst abmachen. Heute würde er jedem in so einer Situation raten, sich Hilfe zu suchen. Seine Frau sei damit weitergekommen.

 

Nächte vor dem Computer

Harry Roos hat einen eigenen Weg gewählt, seine Trauer zu verarbeiten. Nächtelang saß und sitzt er vor dem Computer, hat hunderte Fotos von Dennis eingescannt, schlechtes Bildmaterial überarbeitet, Dennis Gesicht in Naturbilder montiert, Collagen gebaut und Texte gesammelt, die ihm etwas sagen: «Wir denken selten an das, was wir haben, aber oft an das, was uns fehlt.» – «Die größten Ereignisse, das sind nicht die lautesten, sondern die stillsten Stunden.» – «Keine Zukunft vermag gutzumachen, was Du in der Gegenwart versäumst.»

 

Protokoll eines Lebens

All das pflegt er auf einer Homepage zu Ehren seines Sohnes ein (http://www.dennisroos.de). Diese Seite erzählt das Leben des Jungen, von der Geburt im Höchster Krankenhaus und davon, dass die große Schwester es nicht erwarten konnte, den kleinen Bruder zu sehen, von der Kindergartenzeit, von der Kommunion, vom verhängnisvollen Versuch des Kindes, mit einem Feuerzeug Schnee zu schmelzen, von seinem Erfolg als Mitglied der Minihandballer, die 1991 Vize-Kreismeister wurden, von Familienurlauben auf Sylt und Mallorca. Dutzende von Fotos von Geburt bis Tod. Das Protokoll eines Lebens, inklusive der Schilderungen des Unfalltages, des Polizeiberichtes und des liebevollen Rückblicks Tinas auf ihren Bruder, den sie auf der Beerdigung verlas. Ihre letzten Worte an ihren Lieblingsbruder, die Schilderung von Sorge und Stolz.

Selbst wenn er Dennis nicht gekannt hat, treibt es dem Betrachter der Internetseiten die Tränen in die Augen. Für Harry Roos ist es der Weg der Trauerbewältigung, sein Weg, seinem Sohn ein Andenken zu bewahren, ihm nahe zu sein. «Mir macht das Freude. Es ist im Prinzip mein einziges Hobby», so Roos. Es beruhigt ihn. «Ich schreibe auch ein Buch über ihn. Ob es jemals veröffentlicht wird? Keine Ahnung. Aber wenn, dann werde ich das Geld spenden», sagt Roos.

Übers Internet hat er Kontakt zu vielen Familien bekommen, denen Ähnliches widerfahren ist. «Es gibt jede Menge Menschen, denen so etwas auch passiert ist», hat Roos herausgefunden. Viele teilen ihr Schicksal auf Plattformen mit anderen Betroffenen. Aber man spricht nicht darüber. Roos hat erlebt, wie schwer es den meisten Menschen fällt, damit umzugehen. Sie wüssten nicht, was sie sagen sollen. Es herrsche Ratlosigkeit, es gibt Berührungsängste, Scham, Angst, etwas falsch zu machen. Ein Tabuthema. «Aber ich glaube nicht, dass man das ändern kann.» Blieben am Anfang wenige Menschen, mit denen man reden könne, so komme irgendwann die Zeit, da wolle niemand mehr etwas davon hören. In so einer Situation sehe man, wer die wahren Freunde sind. «Wir haben einen kleinen Freundeskreis, der war für uns wirklich sehr, sehr wichtig – wir haben tolle Freunde», sagt Roos.

 

Selbstzweifel

Natürlich habe es auch die Phase gegeben, in denen er Selbstzweifel entwickelt habe, sich auch Vorwürfe gemacht habe: «Hast Du alles richtig gemacht? Welche Fehler hast Du gemacht?» Heute wisse er, Dennis hatte eine schöne Kindheit.

Was Harry Roos und seiner Familie bleibt, ist die Erinnerung, die Erinnerung an 21 Jahre mit einem Sohn, Bruder, Freund, Kumpel, einem großartigen Kerl. Harry Roos hat sich ein Computerprogramm gekauft, das man auf Fotografien anwenden kann. Es lässt in einer Simulation Gesichter altern. Damit kann er sehen, wie Dennis im Laufe der Jahre ausgesehen hätte. Heute wäre Dennis Roos 26 Jahre alt.

Artikel vom 27. August 2010 in der "Frankfurter Neue Presse".

Quelle: http://www.fnp.de/fnp/region/lokales/die-trauer-hoert-niemals-auf_rmn01.c.8117299.de_2.html



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